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>>Willkommen in Bayern - Die ''Wiesn'' - Oder.. Eine Stadt im Ausnahmezustand:
Warum reist ein Australier um die halbe Welt, um sich im Bierzelt mit Neuseeländern zu prügeln? Warum benehmen sich gesittete Leute plötzlich so ungesittet? Weil auf der Wiesn Konventionen und soziale Barrieren nichts gelten. Eine Geschichte über das Glück der Maßlosigkeit.

Das Oktoberfest. - Oder Die Wiesn... wie wir Bayern es nennen: Organisiertes Nichtstun, kollektives Müßiggehen, uniformiertes Sein, wie man wirklich ist.

Eingang Brausebad. So heißt der Menschenschlund im Norden der Theresienwiese im Jargon der Taxifahrer, obwohl es seit Jahrzehnten hier kein Brausebad mehr gibt. Sitzen und schauen. Füße eilen, Füße schlurfen, Füße bewegen sich wie im Sog einer rätselhaften Kraft in Richtung Süden, zum Zentrum des Platzes hin, um von dort abzuzweigen in eines der riesigen Bierzelte, oder, vorher noch, zu einem der mehr als 250 Schaustellerbetriebe; um das Pedal eines Autoscooters zu treten, das dreifache Körpergewicht beim Schiffschaukeln abzufedern oder sich in wohliger Angst einzuspreizen im Wägelchen des Superloopings. Später dann wird dieser Fuß, wie alle anderen auch, ein wenig unsicher sein, den Körper nur mit Mühe tragen, weil die Befehlskette von Gehirn nach unten nicht mehr perfekt funktioniert.

Prügeln, bis das Blut aus der Nase rinnt

Sitzen und schauen und darüber räsonieren, warum Misanthropen, Neider, Missgünstlinge seit Jahren und Jahrzehnten den Niedergang dieses Volksfestes in kernigen, bösen Worten beschwören; warum aber in Cincinnati auf dem Ganzjahresoktoberfest die Tische mit Zetteln geschmückt sind, von denen der Amerikaner phonetisch korrekt "Ein Prosit der Gemütlichkeit" absingen kann ("Eye'n pro sit dare gay mort lick kite"); warum der australische Rechtsanwalt Darryll Jones alljährlich erster Klasse nach München fliegt, um sich zunächst ganztägig heftigst zu betrinken und dann mit Neuseeländern ("Fuck you, Kiwi") zu prügeln, bis das Blut aus der Nase rinnt; warum Fausto della Donne mit seinem Caravan fast 1500 Kilometer fährt, um von München nicht einmal das Hofbräuhaus zu sehen.

Warum die 22 Jahre junge Chinesin Rong Xu in einem Brief an ihre Eltern über das Oktoberfest schreibt: "In einer Trinkhalle wurde ich von zwei Amerikanern angesprochen. Ihre Augen waren schon halb zu und ihre Zungen nicht mehr gerade. Tatsächlich, es gibt Betrunkene, sogar betrunkene Ausländer hier, dachte ich."; warum die Schweizer Schriftstellerin und begeisterte Wahlmünchnerin Fabienne Pakleppa sagt, sie ginge deswegen so gerne auf die Wiesn, "weil man dort so viele Menschen küssen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu kriegen." Und warum es Menschen gibt, die 50 Euro dafür zahlen, dass sie eines der Podien in der Mitte der Zelte stürmen, einen Taktstock in Händen halten und dann so tun dürfen, als ob sie die Kapelle dirigierten.

Sitzen und schauen und trinken. Am besten links vom Haupteingang des Hofbräuhaus- Zeltes. Ein Auge im Sturm, Hort der Ruhe im lärmumtosten Areal kollektiver Ausgelassenheit. Drinnen im Zelt, das seit jeher fest in der Hand von Darryll Jones' australischen Landsleuten und neuseeländischen Feinden ist, von Aussies und Kiwis also, kocht die Stimmung auf dem Siedepunkt.

Junge Männer stülpen sich Präservative über den Kopf und pumpen sie, im Rhythmus ihres Atems von den Nachbarn angefeuert, auf, bis sie platzen oder davonfliegen. Mädchen schwenken, auf Tischen tanzend, ihre Büstenhalter wie Trophäen nach einem Damencatch in der Linken, während das, was diese Körbchen halten sollen, wogt und kreist zu "New York, New York", geblasen und getrommelt von den "Plattlinger Isarspatzen".

Wer grunzen will, darf grunzen

"Kellnerin, no a Maß." Sitzen und trinken und ein Prosit auf diese Welt, auf diese kleine, mit der Lust am nur hier erlaubten Unerlaubten voll gepfropfte Insel der Seligkeit. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein." Die faustische Erkenntnis, hier bekommt sie ihre wahre Auerbachsche Dimension. Denn wie im Saufkeller zu Leipzig wird auf der Wiesn der Mensch zur Sau, die er endlich rauslassen darf. Wer grunzen will, darf grunzen, wer quieken will, quieken.

Wie eine gewaltige Schere schnippelt die Wiesn die sozialen Barrieren ab, sie macht Chefs zu Menschen und Menschen zu Tieren, also auch Chefs. Hier küsst die Mauerblum' den Besenstiel, hier schunkelt Miss "Rührmichnichtan" mit dem Blaustrumpf, der später verschämt an den Laternenpfahl kotzt. Es lacht der Miesepeter, wenn er der Petra eine Rose ins Dekolleté steckt, es fasst die Lesbe dem Schwulen zwischen die Beine beim großen Homotreff am zweiten Sonntag im Pschorr-Zelt "Bräurosl". Es ballert der Wehrdienstverweigerer mit Lust und Luftgewehr auf die Walzen und schießt seiner Geliebten ein paar Schraubenzieher. Die Wiesn - ein im besten Marxschen Sinne Hort der internationalen Solidarität mit dem Ziel, ganz individuell die Höheren Weihen und die Glückseligkeit des Rausches zu erlangen.

Ein zufällig eingefangener Dialog an einem ganz normalen Wochentag, eingefangen an der Pissrinne des Armbrustschützenzelts, sei Indiz für diese Behauptung. /Für die Saupreisn unter uns, übersetze ich den Dialog ;)

Der eine: "Jetz hob i meine Schua obisld. Scheiße. "
Der andere: "Nachad muasst'n hoid bessa festhoitn."
Der eine: "Hob i ja, aba mei Hand is ma ausgrutscht."
Der andere: "Jaja, des is wos."
Der eine: "Ja Sie sans, Herr Doktor."
Der andere: "Ja, griaß eana Gott, Herr Meier. Und moing wieda frisch bei da Arbeit, gell!"
Der eine: "Moing is moing, und heit is heit."
Der andere: "Genau. Trink ma no a Maß."


Der eine: "Jetzt habe ich meine Schuhe volluriniert. Scheiße."
Der andere: "Nachher musst du ihn halt besser festhalten."
Der eine: "Habe ich ja, aber meine Hand ist mir ausgerutscht."
Der andere: "Jaja.... das ist was."
Der eine: "Ja Sie sind es, Herr Doktor."
Der andere: "Ja grüß Gott, Herr Meier. Und morgen aber wieder frisch bei der Arbeit!"
Der eine: "Morgen ist morgen. - Und Heute ist heute."
Der andere: "Genau. Trinken wir noch einen Liter Bier!"

Eine Art Woodstock für alle

Die Wiesn ist eine Art Woodstock für alle, nicht nur für die Freaks. Gigantischer in ihrer sozialen Dimension, vor allem aber alljährlich und damit Institution, wogegen Woodstock eher nur eine zufällige Schlammparty war, der man die sozialkritische Dimension erst im Nachhinein aufgedrückt hat. Die Wiesn ist Schlammparty für all jene, die sonst keinen Krümel auf der Tischdecke sehen können und die korrekt ihre Schleife binden, egal ob auf dem Haferl- oder auf dem Ballyschuh.

Für all jene also, die bei Jimi Hendrix' "Star Spangled Banner" einen Gehörsturz bekämen. Der Unterschied zu Woodstock: dass hier der Bally- mit dem Haferlschuh tanzt, der Hendrix-Fan mit dem Punk anstößt und beide dann mit Bally- und Haferlschuh schunkeln. Und das zu "Macarena", dem scheußlichsten aller Wiesn-Hits.

Hier bin ich Mensch? Sehr wohl: Hier darf man's sein. Denn die Wiesn ist, wie Faust, ja nur Theater. Oder große Oper. Nicht inszenierbar, und doch so perfekt un-wirklich wie 'Tristan' oder 'La Traviata' oder 'Don Giovanni'. Nur dass die Champagnerarie "Oans zwoa gsuffa" heißt. Man spielt den Triumphmarsch aus "Aida", und der Genießer verschmiert sich das Gesicht beim Biss in die köstlichste aller Fleischsemmeln in der Ochsenbraterei, anstatt an Radames zu denken, der mit der Geliebten verhungert im felsigen Verlies. Man spielt Walzer in der "Krinoline", und Oma erzählt der Enkelin, wie sie Opa kennen gelernt hatte: "Schönes Froillein, darf ich's wagen . . . Tschuldigung, den Rest hab' ich vergessen." Er durfte trotzdem.

Man spielt "Azzurro" im Armbrustschützenzelt. Und Fausto schiebt einen geklauten Einkaufswagen vor sich her, in dem sein Freund Maurizio selig schläft, stellt ihn am Tisch neben dem Seiteneingang ab und bestellt zwei, jawohl, zwei Maß. Und jedesmal, wenn Maurizio die Augen aufschlägt, führt Fausto ihm den Krug an die Lippen - wahre Freundschaft wie zwischen Don Carlos und Marquis Posa. Wie duettieren sie so schön? "Gott, du hast in unsere Seelen den Strahl desselben Feuers gesandt." Spät abends schiebt Fausto seinen "Posa" schwer atmend im Wagerl zu seinem Caravan, geparkt am "Italienerplatz" nahe der Rudi-Sedlmayr-Halle am Mittleren Ring, wo die in Eiergelb camouflierte Armada der Azzurri ihr Wiesnhauptlager aufgeschlagen hat. Und niemand fragt Fausto, wo er das Wagerl her hat.

Leben, Überleben auf der Wiesn heißt nicht Ignoranz, sondern Toleranz. Und Lebensklugheit. Keine Kellnerin wird dem, der ihr auf den Hintern haut, eine Ohrfeige geben, sondern nur das Gefühl, dass sie die Herrin ist über Tische und Bänke und er ein kleiner Wicht, wenn er es nötig hat, ihr auf den Arsch zu klopfen. Das ist wahre Größe.

Kein Wiesn-Wirt, der, neben der ausgeprägten Lust am Geldzählen, nicht auch ein Herz hätte für den Gast. "Keiner geht mir hungrig und durstig nach Hause!" Die Devise, sie gilt nach wie vor. Und nicht nur aus Umsatzgründen dulden sie alle und jeden, sofern er zahlt und einen Platz bekommt. Es gibt einen linken Kabarettisten-Stammtisch auf der Wiesn und ein Treffen der italienischen Rechtsradikalen. Es gibt den Professorenstammtisch, und am Maurermontag treffen sich die Handwerksgesellen.

Ein Held für fünf Minuten

Hier bin ich Mensch? Ja, jeder darf es sein. Auch der kleine, sonst so verklemmte Fastschriftsteller. Er zahlt den Obolus, wankt auf das Podium, sagt "Bayerischer Defiliermarsch" zur Band, hebt den Taktstock, und auf ein Kopfnicken des Trompeters geht es los. Fünf Minuten Glück, fünf Minuten "Tschäng dara-däng"-Illusion für diesen Mann, dort oben. Er ist ein Held. Für fünf Minuten.

Und Helden brauchen Verehrung. Dafür ziehen sie ihre Lederjacken an und stehen rund um den Autoscooter, so cool wie's nur gerade geht, die Sonnenbrille ins gegelte Haar geklebt und das Handy SMS-bereit in der Gürteltasche. Helden im Sonderangebot, Helden zweiter Wahl. Denn die Mädchen schauen sehnsuchtsvoll jenem jungen Mann zu, der im verschmierten Overall mit der Lässigkeit eines Paul Newman oder Steve Mc- Queen die Elektroautos rückwärts aus der Bahn bugsiert.

Andere Helden steigen, bewundert von der Angebeteten, in die Rundum-Schiffschaukel und können, nachdem sie es wirklich einmal um die 360 Grad geschafft haben, nicht mehr gehen, weil die Oberschenkel vor Anstrengung explodieren. Sie stolzieren mit Plastikkeulen auf der Schulter und dummen Hüten auf den Köpfen durch die Reihen, trinken die Maß auf Ex und vergessen, dass das die potenzielle Einsatzbereitschaft beeinträchtigen könnte. Und ab und zu hauen sie sich aufs Maul. Dann bleibt der Verlierer Sieger, weil Mädchen gerne den Verlierer trösten.

Haferlschuhe überleben alles

Sitzen und schauen. Spät ist es geworden, wieder einmal. Die roten Pumps sehen mitgenommen aus, Haferlschuhe dagegen haben, wie immer, alles überlebt. Ein italienischer Herrenschuh, einstmals elegant, pinkelt ins Gebüsch. Niemand schert sich drum. Die Senkel des Dreistreifenturnschuhs sind offen und schleifen im Dreck und über die Pferdeäpfel. Einer singt "Fürstenfeld", ein anderer die amerikanische Nationalhymne. Drüben, am Hippodrom, prügeln sich Aussies und Kiwis, zu Füßen der Bavaria küssen sich die Pärchen und knabbern am Lebkuchenherz.

Im Betriebshof warten die heillos Besoffenen auf den Abtransport in die Klinik. Ein kleiner Mann mit Trachtenhut dirigiert den "Tschäng dara-däng"-Marsch vor sich hin. Es war nichts. Nur ein Wiesn-Tag. Hier war'n sie Mensch, hier durften sie's sein.

Morgen ist alles anders. Ganz normal.


Geschrieben von dobi
am Freitag den 15. September 2006 um 10:30:35 Uhr

 
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